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Politik
Gestern waren sie Helden
Aus ff 16 vom Donnerstag, den 22. April 2021
Erst bejubelt, jetzt kritisiert: Die Impfpflicht kann verheerende Folgen für das Südtiroler Pflegepersonal haben.
Seit zwanzig Jahren arbeitet Klara Weiss* als Krankenschwester. Auch ihr Mann ist in einem Pflegeberuf tätig, gemeinsam haben sie drei Kinder. „Pflegekräfte“, sagt Klara Weiss, „sind eine hartgesottene, vor allem aber eine unterwürfige Berufsgruppe.“
Jetzt aber will sie nicht mehr folgsam sein. Seit Italiens Premier Mario Draghi vor rund drei Wochen per Dekret die Impfpflicht für das Gesundheitspersonal eingeführt hat, ist die 43-Jährige aufgewühlt, enttäuscht und wütend. Ihr Mann empfindet ähnlich. „Dieser Zwang reißt Fronten auf und führt zu Widerstand.“ Es sei wahnsinnig schade, sagt er, was zurzeit passiere, die Impfpflicht „radikalisiere die Menschen“.
Klara Weiss und ihr Mann haben eine Corona--Infektion überstanden. Sie haben lange überlegt, doch für beide steht nun fest: Impfen unter Zwang, das lassen sie sich nicht.
Die Geschichte von Klara Weiss und ihrem Mann steht beispielhaft für viele, die in der Pandemie an vorderster Front kämpfen: Krankenpfleger und -schwestern, Sozialbetreuerinnen und Altenpfleger, Ärztinnen und Therapeuten. Sie stehen jetzt unter verschärfter Beobachtung. Denn an ihnen wird ein gesellschaftlicher Grundkonflikt verhandelt, bei dem es um fundamentale Fragen geht: Wie weit darf ein Mensch in den Zeiten der Pandemie über den eigenen Körper bestimmen? Wie stark darf der Staat das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Einzelnen einschränken, um die Allgemeinheit zu schützen?
Auf Klara Weiss kann man zählen. Im vergangenen Jahr ist sie von Teilzeit auf Vollzeit gegangen, sie hat zig Nachtdienste geschoben und Überstunden absolviert. Tag für Tag hat sie sich hohen Infektionsrisiken ausgesetzt. Oft ist es gut gegangen, viele ihrer Kollegen infizierten sich bei der Arbeit. Oftmals weil sie ohne ausreichendes Schutzmaterial arbeiten mussten. Man kann es auch so sagen: Klara Weiss und ihre Kollegen und Kolleginnen haben für uns alle den Kopf hingehalten.
„Dieses Virus ist bis heute eine enorme Herausforderung“, sagt Weiss. „Nie haben wir uns beklagt, nie haben wir uns zurückgezogen.“ Stets habe man alles getan, was von einem verlangt wurde – für die Patienten, für den Betrieb. Jetzt aber reicht es. „Wir haben das Recht, frei zu entscheiden, ob wir unserem Körper jetzt eine Impfung zumuten wollen oder nicht.“ Und ihr Mann fügt hinzu: „Als Pflegekraft wirst du jetzt nur noch auf deine Impfbereitschaft reduziert. Egal, wie kompetent du bist und wie du deine Arbeit in all den Jahren bislang gemacht hast. Fair ist das nicht.“
Gestern bejubelt, heute kritisiert. Das ist die bittere Erfahrung, die Pflegekräfte jetzt machen.
Wer sich nicht impfen lässt, wird bis Ende des Jahres vom Dienst suspendiert. So sieht es das Dekret der Regierung vor. Nichtgeimpfte dürfen nur weiterarbeiten, wenn sie dabei nicht in Kontakt mit Patienten kommen. „Dieses Dekret“, sagt Marianne Siller, „schafft zwar Klarheit, es ist aber alles andere als leicht umsetzbar.“ Für die Pflege-direktorin im Südtiroler Sanitätsbetrieb gibt es noch viele offene Fragen zu klären: Wie geht man mit den Suspendierungen um? Für wie viele Impfverweigerer gibt es alternative Beschäftigungsmöglichkeiten – und vor allem welche? Kann eine Suspendierung durch Urlaube oder Überstunden-abbau hinausgezögert werden?
Der Sanitätsbetrieb hat circa 10.700 Mitarbeiter, rund 8.200 davon seien geimpft, so Siller. Seit der Veröffentlichung des Dekrets hätten sich weitere 5 Prozent der Mitarbeiter impfen lassen. Die Zahlen seien weiterhin im Steigen. Konkrete Zahlen, wie viele Impfverweigerer es am Ende sein werden, liegen der Pflegedirektorin noch nicht vor. Was sie hingegen auf ihrem Schreibtisch vorfindet, sind über 100 Berufungen und Warnungen seitens verschiedener Mitarbeiter – Pflegekräfte, Hebammen, Pflegehelfer, Ärzte, Physiotherapeuten, auch Sozialbetreuer von Seniorenheimen.
Marianne Siller lässt sich nicht leicht aus der Ruhe bringen. Bis Ende des Monats, so sagt sie, werde sich sicher so manche Pflegekraft noch für einen Impftermin anmelden. Aber sie ist auch realistisch genug, um zu wissen, dass „das Ganze nicht reibungslos ablaufen wird“. Siller ist vorsichtig mit Prognosen: „Es wird sicher Bereiche geben, wo wir werden Betten reduzieren müssen – oder im schlimmsten Fall auch schließen müssen.“ Sie weiß, wie es vielen Mitarbeitern geht, sie erzählt vom Druck und der enormen Arbeitsbelastung, der die Pflegenden seit über einem Jahr ausgesetzt sind. „Die Leute sind müde, die brauchen eine Verschnaufpause. Diese Pandemie hat ihnen alles abverlangt.“ Sie weiß auch, dass es hier um ein sehr emotionales Thema geht. Mit Argumenten der Vernunft erreicht man nicht viel. „Es geht jetzt darum, diesen Mitarbeitern zuzuhören, sich in sie hineinzufühlen.“
Das hätte man schon viel früher tun können und müssen. Die Impfskepsis vieler Pflegerinnen und Pfleger in Südtirol ist nämlich schon länger bekannt. Über die Gründe diskutieren Expertinnen intensiv. Warum ausgerechnet diese Berufsgruppe, die sich doch jeden Tag mit Medizin befasst? Die wissen müssten, wie eine Impfung wirkt? Was steckt hinter der Ablehnung: Angst? Unwissen? Oder geht es um etwas ganz anderes?
Viele ihrer Kolleginnen im Krankenhaus, sagt Klara Weiss, seien mittlerweile „umgefallen“. Aus Angst um ihre Arbeit, aus finanziellen und existenziellen Sorgen. Sie ist über die sozialen Medien mit einer landesweiten Gruppe vernetzt, Pflegerinnen, Therapeuten, Sozialbetreuern, Hebammen. Alle Impfverweigerer. „Viele ziehen das jetzt durch und lassen sich auch suspendieren“, sagt sie. „Sie nehmen sich jetzt das Recht heraus, selbst über ihren Körper zu entscheiden.“ Viele, so erzählt sie, hätten auch schlicht und einfach Angst vor dieser Impfung. Angst vor den Nebenwirkungen – man müsse ja für die eigenen Kinder da sein. Ja, auch Angst, daran zu sterben. „Rational ist das alles freilich nicht mehr“, sagen sie und ihr Mann unisono.
Die beiden sind nicht grundsätzlich gegen die Impfung. Sie würden nur gerne den Zeitpunkt dafür selbst bestimmen. Sie sind gut informiert, sie haben viele wissenschaftliche Studien durchforstet, sie argumentieren sehr sachorientiert. „Nach der Zulassung dieser gewissen Impfstoffe“, sagt der Mann von Klara Weiss, „stehen diese unter Beobachtung. Heißt, da werden die seltenen Nebenwirkungen und die langfristige Wirkung des Vakzins erfasst. Gerade aus diesem Grund müsste uns allen noch mehr das Recht zugestanden werden, selbst zu entscheiden.“
Man wisse auch wenig über die Langzeitfolgen. Bis alle Leute durchgeimpft seien, käme wahrscheinlich sowieso schon das nächste Virus. Das Ehepaar Weiss findet es schade, dass das Thema Nebenwirkungen in der Öffentlichkeit tabuisiert werde. Auch der chaotische und uneinheitliche Umgang Europas mit dem Impfstoff von AstraZeneca trage nicht unbedingt zur Vertrauensbildung bei. „Hier will man mit dem Kopf durch die Wand. Alle schnell, schnell impfen, weil ja jeder zur Normalität zurückwill. Aber um welchen Preis?“
Irene Platter will die Zweifel und Ängste der Mitarbeiterinnen ernst nehmen. „Jeder Grund für die Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, hat seine Richtigkeit und soll auch respektiert werden“, sagt sie. Platter ist Heim- und Pflegedienstleiterin bei den Deutschordensschwestern Lana, seit Anfang dieses Jahres steht sie auch den Pflegedienstleitern der Seniorenwohnheime als Vorsitzende vor. Dieses Pandemiejahr, sagt sie, habe die Selbstverständlichkeit, mit der der Pflegeberuf wahrgenommen wird, deutlich gemacht. „Wir stecken uns selbst immer zurück – für den Patienten, für den Heimbewohner. Und jetzt heißt es hü oder hott. Das ist einfach nicht richtig.“
Platter selbst ist von der Notwendigkeit der Impfung überzeugt. Der emotionale Aspekt dieser Geschichte aber sei nicht zu unterschätzen, sagt sie. „Wir sind müde, wir sind über unsere Grenzen gegangen. Und jetzt das. Viele fühlen sich an die Wand gedrückt.“
In den Seniorenwohnheimen Südtirols (Stand Freitag vergangener Woche) gibt es einige mit 100-prozentiger Durchimpfungsrate bei den Mitarbeitern, andere mit einer Durchimpfungsrate von gerade mal 50 Prozent. Die Spannbreite ist also groß. Einige Mitarbeiter, so erzählt es Irene Platter, hätten ihr gegenüber erwähnt, sie würden gar nicht erst die Suspendierung abwarten, sondern von sich aus kündigen. „Jeder einzelne Mitarbeiter, der wegfällt, ist ein riesengroßer Verlust. Kein Haus arbeitet über dem Pflegeschlüssel, wir arbeiten alle am Anschlag.“
Irene Platter ist keine, die sich beschwert, oder die in der Öffentlichkeit poltert. Aber sie sagt ganz klar: „Das Ganze ist eine Katastrophe. Wir sehen keine Perspektive.“ Die Qualität der Pflege in gewissen Heimen werde drastisch zurückgehen. Am Ende sei jeder einzelne Mensch in der Bevölkerung wieder der Leidtragende, als Patient, als Heimbewohner, als Angehöriger. Die Stimmung unter den Mitarbeitern sei angespannt, so Platter. Es gebe viel Unruhe. Geimpfte und Nichtgeimpfte würden beginnen, sich gegeneinander auszuspielen. Die Spaltung der Gesellschaft ist mit den Händen zu greifen.
Klaus Eisendle ist Präsident der Claudiana in Bozen, der Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe. Eisendle ist auch Primar der Dermatologie am Krankenhaus Bozen, an seiner Einstellung lässt sich nicht herumdeuteln: „Die Covid-19-Impfung ist in jeder Altersgruppe deutlich sicherer, als am Virus zu erkranken, auch mit dem Impfstoff von AstraZeneca.“
Er geht davon aus, dass es am Ende „Einzelfälle“ sein werden, die sich nicht impfen lassen wollen. Bei den Studenten an der Claudiana sei die Durchimpfungsrate hoch, bis zu 90 Prozent, je nach Studiengang. „Jetzt werden es noch mehr“, sagt Eisendle.
Für den Mediziner ist die Hauptfrage in der ganzen Geschichte eine ethisch-moralische: Haben kranke und alte Menschen das Recht auf medizinische Hilfe, ohne Angst haben zu müssen zu sterben? Haben Sie das Recht, in das Krankenhaus zu gehen, ohne Schaden zu nehmen? „Wir funktionieren als Gesellschaft nur, weil wir nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben.“ Klaus Eisendle findet die Impfpflicht nicht problematisch. „Wer im Gesundheitssystem arbeitet, hat sich für diesen Beruf entschieden, weil er anderen Menschen helfen will. Dazu gehört in Zeiten einer Pandemie auch die Verantwortung, sich und andere zu schützen.“
Nicht ganz so streng sieht er die Frage nach der Impfpflicht für Covid-19-Genesene. Diesen könnte man auch erst nach einem halben Jahr impfen, zumal es hier ja nur eine Impfdosis braucht. „Da zurzeit der Impfstoff insgesamt knapp ist, könnte man zuerst wirklich jene Menschen impfen, die gar keinen Schutz haben“, sagt Eisendle.
Laut Robert-Koch-Institut sollte „eine einmalige Impfung von Personen mit durchgemachter Infektion unter Berücksichtigung der Priorisierung frühestens sechs Monate nach Genesung erwogen werden“. Italiens Arzneibehörde Aifa wiederum spricht von mindestens drei bis spätestens sechs Monaten nach der überstandenen Infektion.
Das Ehepaar Weiss hat im Prinzip nichts gegen diesen einen Piks, es fragt sich aber: „Setzen wir die künstliche Immunität über die natürliche?“ Mit ihrem Widerstand wollen sie zum Ausdruck bringen, dass diese Impfpflicht in den nächsten Jahren nicht zur Normalität werden soll.
Sie sind enttäuscht darüber, dass seitens der Gewerkschaften, der Berufskammer und auch der Ethikkommission des Landes zu diesem Thema kaum etwas zu hören ist. Sie fühlen sich allein gelassen. Auch von der Politik. „Die Verantwortlichen betonen zwar, gegen den Zwang zu sein, intervenieren aber nicht in Rom“, sagt Klara Weiss. Südtirol habe in der Pandemie ja schon Sonderwege beschritten, warum nicht bei diesem Thema?
Soziallandesrätin Waltraud Deeg spricht gerne von der „Mitverantwortung“. Das bedeute, dass man sich impfen und testen lasse und damit sich selbst und andere schütze. „Jene, die mit Risiko-gruppen arbeiten“, sagt sie, „tragen natürlich eine besondere Verantwortung.“ In den Seniorenwohnheimen liege die Durchimpfungsrate derzeit im Schnitt bei 69 Prozent – inklusive jener Mitarbeiter, die in den vergangenen drei Monaten Covid hatten und sich noch nicht impfen lassen können. Von den Heimbewohnern seien gar 94 Prozent mittlerweile geimpft. „Alle 76 Seniorenwohnheime sind im Moment covidfrei“, freut sich die Landesrätin.
Das ist die eine Seite. Die andere Seite sind der Unmut und die Verärgerung. Waltraud Deeg erhält viele Rückmeldungen von Mitarbeitern: Sie wollen wegen der Pflichtimpfung eine Suspendierung oder eine Kündigung in Betracht ziehen; viele seien grundsätzlich keine Impfverweigerer. „Druck erzeugt oftmals Gegendruck“, sagt Deeg. „Die Impfpflicht in dieser Form ist kein Mehrwert.“ Viel Information und Aufklärung würden besser und wirkungsvoller zum Ziel einer hohen Durchimpfungsrate führen.
Wie hoch der Prozentsatz jener ist, die letztendlich kündigen werden, kann die Politikerin schwer einschätzen. Sie ist sich aber bewusst, dass jeder plötzliche Aus- und Wegfall einer Mitarbeiterin ein großes Loch in die sonst schon dünne Personaldecke reißt. „Die Aufrechterhaltung der Dienste wird dadurch schwierig bis unmöglich.“
Der Widerstand gegen das Impfen könnte Ausdruck eines größeren Problems sein: die mangelnde Wertschätzung für die Arbeit der Pflegenden. Der Job wird heute oft trivialisiert, obwohl er in den vergangenen Jahren viel komplizierter geworden ist. Wegen der höheren Lebenserwartung gibt es heute mehr Menschen, die Pflege brauchen, mehr Demenzkranke oder multimorbide Patienten. Jeder ahnt zwar um den Pflegenotstand, aber niemand schaut richtig hin.
Corona hat nun den Druck auf das Pflegesystem dramatisch erhöht und viele Probleme erst sichtbar gemacht.
Vielleicht ist die ablehnende Haltung gegen das verpflichtende Impfen auch Ausdruck der Rebellion gegen all die Vorschriften, denen man seit über einem Jahr unterworfen ist. „Dieses Dekret“, sagt Marianne Siller, „hat ein großes Spaltungspotenzial.“ Das Pflegepersonal habe eine extrem hohe Frustrationstoleranz. Mit dieser Impfpflicht aber sagen viele: Jetzt ist genug.“ Die Probleme in der Pflege, sie können nun mal nicht weggeimpft werden.
Klara Weiss spielt mit dem Gedanken, ihre Stelle im Krankenhaus zu kündigen. Sie hat sich bereits über Arbeitsmöglichkeiten in Innsbruck informiert. Dort gibt es keine Impfpflicht für Krankenschwestern. Auf ihrer Abteilung, so erzählt sie, werde sie mittlerweile ausgegrenzt. Sie fühlt sich dort nicht mehr wohl. „Ich will meinen Beruf nicht aufgeben“, sagt sie. „Aber unter diesen Umständen will ich nicht mehr in diesem Betrieb bleiben.“
Sie hat die Hoffnung, dass alles noch gut wird, nicht aufgegeben.
*Name von der Redaktion geändert
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