Leserbriefe

Ein Traum, der Säle füllt

Aus ff 25 vom Donnerstag, den 22. Juni 2023

ff 22/23 über den Verein Noiland und die Debatte über ein unabhängiges Südtirol

Abgesehen davon, dass im Buch alle Schwierigkeiten, die die Neugründung eines Staats betreffen – italienische Verfassung, internationale Anerkennung, Einhaltung des EU-Vertragswerks sowie alle weiteren rechtlichen, wirtschaftlichen und finanziellen Problematiken –, zu wenig vertieft und unterschätzt werden, verwundert, wie auch die Autorin des Artikels, Alexandra Aschbacher, hervorhebt, dass das Projekt praktisch ohne die Italiener und genau genommen auch ohne die Ladiner „stattfindet“.

Die Buchautoren unterstreichen zwar, dass ein unabhängiges Südtirol nur als „gemeinsames Projekt der unterschiedlichen Sprachgruppen“ vorstellbar sei, aber wenn man die bisherige politische Arbeit und die Vereinszugehörigkeit gleich mehrerer Autoren betrachtet, sind diese bisher kaum durch besonderes Verständnis und Entgegenkommen gegenüber den Italienern aufgefallen.

Das Zusammenleben zwischen Deutschen und Italienern ist in Südtirol immer noch vielfach eher ein Nebeneinander. Andere Gesellschaften sind viel weiter. Wie Massimiliano Boschi in „Capodistria e Bolzano: così simili, così diverse“ (ff 19/23) ­berichtet, und wie ich durch Reisen und Gespräche mit den Menschen dort in Erfahrung bringen konnte, scheint trotz einer weit blutigeren Geschichte als in Südtirol das Grenzgebiet zwischen Italien, Slowenien und Kroatien gesellschaftlich wesentlich weiter zu sein. Im Gegensatz zu ­Südtirol gibt es im multiethnischen Gebiet ­Italien-Slowenien-Kroatien weder einen nennenswerten Revanchismus noch Grenz- und Zugehörigkeits­diskussionen, wie sie von interessierter Seite in Südtirol gerne initiiert werden.

In Südtirol hingegen dient die Geschichte vor allem dazu, das ­friedliche Zusammenleben zu ­schwächen und ethnische Spannungen zu begünstigen.

Beim Noiland-Projekt vermisse ich den Willen, unter dem 20. Jahr­hundert einen Schlussstrich zu ziehen. Es fehlt das Angebot an die Italiener, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und nach vorne zu blicken: Die „ausgestreckte Hand“ ist nicht zu erkennen. Solange die Vergangenheit dazu missbraucht wird, in der Gegenwart politische Forderungen zu stellen, und Vergangenheitsbewältigung fast nur dem Zweck dient, den Italienern öffentliche Sichtbarkeit zu nehmen, sind Projekte wie dieses aber von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Um den Boden für ein solches Projekt zu bereiten, müsste zuerst so etwas wie Vertrauen geschaffen und gegenseitiges Verständnis geübt werden. Dies kann ich hier nur ansatzweise erkennen.

„Der Traum, der Säle füllt“ bedient in erster Linie die Sehnsucht ­vieler Südtiroler nach einem eigenen „Schreber­garten“, der sie vor den Unwägbarkeiten der globalen Welt schützen, ihnen gleichzeitig aber alle Vorteile – EU, Euro, politische und militärische Sicherheit – sichern soll.

Letztendlich handelt es sich um den Wunsch nicht weniger Einheimischer, Vorteile für die eigene Brieftasche, Übervorteilung der kleineren ­Ethnien des Landes und Bauernschläue unter einen Hut zu bringen. Den „Traum, der Säle füllt“ fürchten andere als einen Albtraum, der Menschen entzweit. Auf dem Spiel stünde nichts weniger als der Frieden im Land.

Martin Geier, Bozen

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